Über laue Sommernächte und Markttage
Zugegeben, die Ereignisse, die ich im Folgenden ausführen werde, klingen unglaubwürdig.
Fast schon übertrieben unwahrscheinlich.
Aber sie entsprechen den Tatsachen.
Es gibt sogar irgendwo fotographische Beweise dafür.
Das alles fand in irgendeiner Nacht im Sommer des Jahres 2009 – nebenbei bemerkt das schrecklichste Jahr meines gesamten Lebens, aber davon erzähle ich ein anderes Mal – statt.
Ich war auf dem Heimweg.
Hatte mich mit dem Kurfürsten von Coburg zusammengefunden und wir rauchten die ganze Nacht kubanische Zigarren und 70 Jahre alten Scotch.
Nein, in Wirklichkeit habe ich mit Freunden in einer Kneipe gesessen und Bier getrunken.
Der Weg von der Kneipe bis zu mir nach Hause ist nicht weit.
Aber irgendwie schien ich das Bedürfnis nach einer Ruhepause gehabt zu haben.
Also kletterte ich auf halber Strecke an einer Laterne hoch und setzte mich auf das äußerst bequeme Ding, das da oben auf der Laterne drauf ist.
Fragt mich nicht wie das heißt… Nennen wir es im Folgenden einfach „Laternenabdeckelung“.
Ich setze mich also im Schneidersitz auf die Laternenabdeckelung und genieße in drei oder vier Metern Höhe eine laue Sommerbrise.
Plötzlich sehe ich den Lichtkegel eines Autoscheinwerfers näher kommen.
Ich ziehe also die Kapuze meiner schwarzen Jacke tief in mein Gesicht.
Und kurze Zeit später fährt ein Streifenwagen der Polizei direkt unter mir lang.
Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob ich mich mit dem Sitzen auf einer öffentlichen Laterne in irgendeiner moralischen oder gesetzlichen Grauzone bewegte, oder ob ich sogar eine Straftat begangen habe, aber ich bezweifle dies stark.
Nun, wie auch immer, die Polizei hat mich eh nicht entdeckt.
Ich verfüge über die oft unterschätzte Fähigkeit mit meiner Umgebung zu verschmelzen.
Übrigens, falls sich jemand fragen sollte, warum ich mich zum Ausruhen nicht einfach auf die Parkbank gesetzt habe, die sich direkt unter mir befand: Ich klettere gerne wenn ich Bier getrunken hab.
Der Streifenwagen war schon außer Sichtweite, aber aus Sicherheitsgründen blieb ich noch ein paar Minuten sitzen.
„Gras über die Sache wachsen lassen.“
Nach dem die besagten Minuten verstrichen waren, wollte ich also meinen Heimweg fortsetzen und begann langsam den Abstieg.
Aber ich kam nicht weit – schon nach dem ersten Schritt bemerkte ich wieder einen Lichtkegel auf mich zukommen, nur diesmal einen größeren und lauteren.
Ich also schnell wieder hoch auf die Laternenabdeckelung.
Und was kommt da angefahren?
Drei Lastwagen mit Marktfrauen und Marktbuden und Marktzubehör.
Es war der Morgen des Markttages.
Super.
Direkt unter mir wurde ein Markt aufgebaut.
Langsam wurde mir die Absurdität meiner Situation bewusst.
Die Wirkung des Bieres ließ nach.
Aber noch nicht vollends – ich schlief ein.
Ja, ich bin tatsächlich im Schneidersitz um vier Uhr morgens in knapp vier Metern Höhe mitten in der Stadt auf einer Laternenabdeckelung eingeschlafen.
Als ich aufwachte war es Hell, die morgendliche Sonne lugte grade strahlend hell über den Altstadtgebäuden hervor, mich hatte tatsächlich immer noch kein Mensch bemerkt.
Ich hatte Kopfschmerzen.
Die Wirkung des Bieres hatte endgültig nachgelassen.
Nun kletterte ich endlich von meiner Laternenabdeckelung runter.
Ich holte mal mein Portemonaie hervor – ein Ritual welches ich stets nach einer durchzechten Nacht wiederhole – und checkte meine Finanzen.
Es waren noch knapp 5 Euro übrig.
Ich war hungrig.
Also schlenderte ich gemütlichst über den Marktplatz, kaufte mir zwei Birnen, ein halbes Dutzend Eier von glücklichen Hühnern (das hab ich mir von der amüsierten Verkäuferin versichern lassen – mehrmals), und eine Blume die ich niemals gießen muss und um die ich mich generell nicht kümmern muss.
Die lebt sogar noch. Auf meinem Balkon.
Weil ich der erste Kunde war, hab ich von irgendjemandem sogar noch was geschenkt bekommen.
Ich glaube es waren Blumenzwiebeln.
Die hab ich dann meiner Mutter geschenkt.
Ich meine: Was soll das? Ich frag nach ner Blume, um die ich mich nicht kümmern muss und bekomme Tulpenzwiebeln geschenkt?
Naja.
Ich bin dann Birne essend die restlichen 794 Meter nach Hause gelaufen und hab mich noch mal für ne gefühlte Stunde in ein richtiges Bett gelegt.
Falls sich jemand die Frage stellt, wie es mir möglich ist ein Ereignis, das länger als 7 Monate her ist so detailliert zu schildern, ich habe das fotographische Gedächtnis.
Und damit schließt sich der Kreis dieser Geschichte, den mir fällt grade ein, dass das Beweisfoto wie ich auf der Laterne sitze zwar existiert, aber nicht aus besagter Nacht stammt, sondern einige Wochen später nachgestellt wurde.
Gute Nacht.